KI in der Arztpraxis: sechs Anwendungen und was sie wirklich leisten
Künstliche Intelligenz ist im Praxisalltag angekommen, aber nicht überall dort, wo sie versprochen wurde. Sechs Anwendungen, jeweils mit dem, was sie heute übernimmt, und mit dem, was sie liegen lässt.
Über künstliche Intelligenz in der Medizin wird meistens im Futur gesprochen, und meistens über Diagnostik. Im Alltag einer Schweizer Praxis ist beides falsch herum. KI ist längst im Einsatz, und sie steckt fast nie in der Diagnose, sondern in der halben Stunde nach der Sprechstunde, in der Berichte geschrieben und Formulare ausgefüllt werden.
Das ist die unspektakuläre Wahrheit hinter dem Thema: Die Anwendungen, die heute tragen, machen Schreibarbeit weg. Die Anwendungen, die Schlagzeilen machen, sind im Praxisalltag noch nicht angekommen. Die folgenden sechs sind nach diesem Massstab sortiert, nicht nach Aufregung.
1. Diktat, das sich selbst schreibt
Spracherkennung ist die einzige Anwendung, bei der sich der Nutzen unmittelbar in Minuten messen lässt. Ein Bericht, der diktiert und automatisch geschrieben wird, kostet einen Bruchteil der Zeit des Tippens, und medizinische Fachsprache erkennen die heutigen Systeme zuverlässig.
Die Grenze liegt bei Eigennamen und Zahlen. Patientennamen, Medikamentendosierungen und Laborwerte sind genau die Stellen, an denen ein Fehler teuer wird, und genau die, an denen die Erkennung am unsichersten ist. Gegenlesen bleibt Pflicht, und wer das einrechnet, kommt auf einen realistischen Gewinn statt auf einen Werbeprospekt.
2. Der Bericht, der beim Gespräch mitschreibt
Die nächste Stufe hört das Gespräch zwischen Ärztin und Patient mit und schlägt daraus einen Berichtsentwurf vor. Das ist der grösste einzelne Zeitgewinn, den es derzeit gibt: Die Dokumentation entsteht während der Konsultation statt danach.
Es ist zugleich die Anwendung mit der höchsten Hürde. Im Raum wird aufgezeichnet, und dafür braucht es eine ausdrückliche Einwilligung der Patientin — Gesundheitsdaten sind nach Art. 5 DSG besonders schützenswert. Praxen, die das sauber lösen, holen die Einwilligung beim Termin ein, nicht im Behandlungszimmer.
3. Kodierung, die einen Vorschlag macht
Aus einer dokumentierten Konsultation die passenden Diagnosecodes vorzuschlagen, ist eine Aufgabe, für die Sprachmodelle gut geeignet sind: viel Text, ein festes Vokabular, eine klare Zuordnung. Der Vorschlag kommt, der Mensch bestätigt.
Wichtig ist die Reihenfolge. Ein System, das kodiert und selbstständig einträgt, verschiebt die Verantwortung an eine Stelle, die sie nicht tragen kann. Ein System, das vorschlägt und auf Bestätigung wartet, spart trotzdem den grössten Teil der Arbeit.
4. Antworten auf wiederkehrende Fragen
Ein grosser Teil der Anrufe in einer Praxis dreht sich um dieselben zehn Dinge: Öffnungszeiten, Rezeptverlängerung, wo der Befund bleibt, ob man nüchtern kommen muss. Diese Fragen lassen sich automatisiert beantworten, und das entlastet die Anmeldung spürbar.
5. Terminplanung und ausgefallene Termine
Systeme, die aus vergangenen Terminen lernen, können erkennen, welche Termine mit erhöhter Wahrscheinlichkeit nicht wahrgenommen werden, und die Erinnerung entsprechend steuern. Der Effekt ist real, aber kleiner als beworben — die meisten Ausfälle verhindert schon eine gewöhnliche Erinnerung zwei Tage vorher.
Bevor eine Praxis hier in Vorhersage investiert, lohnt sich die banale Frage, ob überhaupt erinnert wird und über welchen Kanal. Eine SMS, die ankommt, schlägt jedes Modell.
6. Auswertung grosser Datenmengen
Der Bereich, über den am meisten geschrieben wird: Bilddaten, Laborreihen, Registerauswertungen. Das findet statt, aber in Spitälern und Forschungszentren mit eigenen Datenbeständen, nicht in einer Praxis mit vier Behandlungszimmern.
Für eine Praxis ist der ehrliche Rat, diesen Punkt zu überspringen. Der Nutzen der KI liegt dort, wo heute getippt wird, nicht dort, wo geforscht wird.
Was in der Schweiz erlaubt ist
Die rechtliche Frage ist bei allen sechs Anwendungen dieselbe wie bei jedem anderen Dienst, der Patientendaten verarbeitet, und sie ist ohne Sonderregeln zu beantworten: Es braucht einen Auftragsbearbeitungsvertrag nach Art. 9 DSG, und es muss klar sein, welchem Recht der Anbieter untersteht. Ein US-Unternehmen fällt unter den CLOUD Act, auch wenn seine Server in Zürich stehen.
Der praktische Stolperstein ist ein anderer: Ein frei zugängliches Sprachmodell im Browser ist kein Werkzeug für Patientendaten. Was dort eingegeben wird, verlässt die Praxis, und niemand hat unterschrieben, was damit geschieht. Diese Grenze ist im Alltag wichtiger als jede Feinheit des Gesetzestexts.
Die Frage ist nicht, ob KI in die Praxis kommt. Sie ist längst da — nur an anderen Stellen, als das Marketing behauptet.
Womit man anfängt
Wer heute beginnen will, fängt bei der Dokumentation an, weil dort der Gewinn am grössten und die Umstellung am kleinsten ist. Diktat lässt sich in einer Woche ausprobieren, ohne dass sich am übrigen Ablauf etwas ändert, und der Zeitgewinn ist nach ein paar Tagen messbar statt geschätzt.
Alles Weitere ergibt sich daraus. Eine Praxis, die ihre Berichte nicht mehr tippt, sieht von selbst, welcher Schritt als Nächstes stört .