Health Messenger in der Schweiz: was von Deutschland zu lernen ist
Deutschland ist bei der sicheren Kommunikation im Gesundheitswesen weiter als die Schweiz — und hat dabei einen teuren Fehlversuch hinter sich. Beides ist lehrreich, der Fehlversuch sogar mehr.
Wer in der Schweiz über sichere Kommunikation im Gesundheitswesen spricht, verweist früher oder später nach Norden. Deutschland hat eine nationale Telematikinfrastruktur, eine Agentur, die sie betreibt, und einen Messenger, der darauf aufsetzt. Die Schweiz hat DigiSanté, eine Architekturstudie und viele Praxen, die sich mit dem Handy behelfen.
Der naheliegende Schluss wäre, Deutschland nachzubauen. Er ist falsch, und zwar aus einem Grund, der in den meisten Darstellungen fehlt: Der TI-Messenger ist der zweite Anlauf.
Der erste Anlauf und warum er stockte
Vor dem Messenger stand KIM, „Kommunikation im Medizinwesen": ein gesicherter Nachrichtendienst innerhalb der Telematikinfrastruktur, technisch einer verschlüsselten E-Mail nahe. KIM funktioniert, ist zugelassen und erfüllt jede Anforderung an Vertraulichkeit.
In den Praxen hat es trotzdem einen schlechten Ruf, und der hat wenig mit Sicherheit zu tun. Der Zugang hängt an Karten und Konnektoren, die Einrichtung ist aufwendig, und im Alltag steht die Frage im Raum, warum ein Arztbrief über einen Weg gehen soll, der drei Handgriffe mehr braucht als ein Anruf. Wo eine sichere Lösung umständlicher ist als die unsichere, gewinnt die unsichere.
Vorschrift schafft Zugang, nicht Gebrauch. Was benutzt wird, entscheidet sich an der Frage, ob der neue Weg im konkreten Fall kürzer ist als der alte.
Was der zweite Anlauf besser macht
Der TI-Messenger, koordiniert von der gematik, setzt auf dem Matrix-Protokoll auf — einem offenen Standard für verschlüsselte, dezentrale Kommunikation. Das ist die technisch wichtigste Entscheidung, und sie ist richtig.
Der Grund ist nicht die Verschlüsselung, die hätte jedes System. Der Grund ist, dass verschiedene Anbieter Anwendungen bauen können, die miteinander sprechen. Eine Hausärztin muss nicht dieselbe App haben wie die Apotheke, damit beide im selben Gespräch sind. Genau daran scheitern geschlossene Plattformen: Sie funktionieren perfekt, solange alle dieselbe benutzen.
- Ein offener Standard erlaubt mehrere Anbieter statt eines Monopolisten.
- Dezentrale Verteilung heisst, dass kein einzelner Ausfall alles lahmlegt.
- Erweiterungen wie Video oder Dateiversand kommen schrittweise dazu, statt am Anfang mitgeplant werden zu müssen.
- Wer den Anbieter wechselt, verliert seine Gesprächspartner nicht.
Wo die Schweiz steht
Die Schweiz hat keinen vorgeschriebenen Kanal für die Kommunikation zwischen Leistungserbringern. Sie hat das elektronische Patientendossier, das etwas anderes leistet — es legt Dokumente ab, es ist kein Gesprächskanal —, und sie hat mit DigiSanté ein Programm, das die Grundlagen für eine gemeinsame Infrastruktur schaffen soll. In dessen Architekturarbeiten tauchen kommunikative Dienste als möglicher Baustein auf.
Das klingt nach Rückstand und ist zum Teil ein Vorteil. Die Schweiz kann den Zwischenschritt überspringen, den Deutschland gehen musste, und muss keine bestehende Infrastruktur verteidigen, in die schon investiert wurde.
Drei Lehren, die übertragbar sind
- 1
Den Alltagsweg schlagen, nicht das Sicherheitsniveau
Der Massstab ist nicht die verschlüsselte Alternative, sondern WhatsApp. Solange der neue Kanal mehr Handgriffe braucht, verliert er, und alle Argumente über Verschlüsselung ändern daran nichts.
- 2
Offen bauen, nicht geschlossen
Ein Messenger, der nur innerhalb eines Anbieters funktioniert, teilt das Gesundheitswesen in Inseln. Ein offener Standard erlaubt, dass Praxis, Spital und Apotheke unterschiedliche Software haben und trotzdem miteinander sprechen.
- 3
Patienten von Anfang an mitdenken
In Deutschland kommen sie in einer späteren Ausbaustufe dazu. Das erzeugt zwei Systeme, wo eines gereicht hätte, und die Praxis führt beide parallel. Ein Kanal, den Patientinnen ohne Installation mitbenutzen können, löst das Problem, bevor es entsteht.
Für eine einzelne Praxis ist die Konsequenz unspektakulär: Auf eine nationale Lösung zu warten heisst, mehrere Jahre lang weiter zu telefonieren und zu faxen. Ein Kanal, der heute funktioniert und offene Schnittstellen hat, ist deshalb kein Widerspruch zu einer künftigen Infrastruktur, sondern die Vorbereitung darauf.